Bd. 107: N. Borisova / G. Drews-Sylla / R. Makarska / I. Wutsdorff (Hgg.): Kulturelle Vernetzungen. Festschrift für Schamma Schahadat
Vernetzte Texte – Intertextualität

Turgenevs „Erste Liebe“. Ein Nachtrag

Veröffentlicht am %2026

Schlagwörter

  • Russisches Biedermeier,
  • Turgenev,
  • Ödipuskomplex,
  • Sadomasochismus

Abstract

Turgenevs Kurzgeschichte „Erste Liebe“ (1860) schildert keine nostalgische Jugenderinnerung, wie ihr idyllischer Titel vermuten lässt. Vielmehr ist die Geschichte von der bitteren Erfahrung eines 16-jährigen Jungen durchdrungen, der sich in eine einige Jahre ältere Frau verliebt, die diese kindliche Verehrung natürlich alles andere als ernst nimmt. Stattdessen wendet sie sich, in einer subtilen Umkehrung von Freuds Ödipuskomplex, dem Vater des jungen Mannes zu, dessen Aggression sie schließlich zum Opfer fällt. Ihr jugendlicher Verehrer wird Zeuge einer sadistischen Szene zwischen seinem Vater und der jungen Frau. Die Geschichte endet somit nicht nur tragisch, sondern zutiefst trostlos und markiert gewissermaßen das Ende einer russischen Form des späten Biedermeiers, die durch sexuell und existentiell gescheiterte Jugendliche gekennzeichnet ist, deren romantische Illu­sionen vom Realismus der älteren Generation zerstört werden, die selbst ein tragisches Ende findet.

Zitationsvorschlag

Hansen-Löve, A.A. (2026) “Turgenevs „Erste Liebe“. Ein Nachtrag”, Wiener Slawistischer Almanach - Sonderbände, 107, pp. 11–21. doi:10.5282/4x2kez43.