Ungleichzeitigkeiten in der literarischen Ideengeschichte Mittel- und Osteuropas
Veröffentlicht am %2026
Schlagwörter
- Mittel- und Osteuropa,
- Dissidenz,
- Exilliteratur,
- Totalitarismus,
- Post-Truth
Abstract
er Artikel argumentiert, dass dissidentische und exilantische Schriften aus Mittel- und Osteuropa aus der Zeit des Kalten Krieges als „Zukunftskapseln“ für die Gegenwart Europas betrachtet werden können. Ausgehend von Stanisław Barańczaks Vorschlag, sich nicht nur Zeitkapseln der Vergangenheit vorzustellen, sondern auch Kapseln, die darauf verweisen, was vor uns liegt, greift er die nach 1989 von François Furet vorgebrachte Behauptung wieder kritisch auf, dass 1989 keine neuen Ideen aus dem Osten hervorgebracht habe. Er legt nahe, dass diese Einschätzung eine Ungleichzeitigkeit in der europäischen Ideengeschichte verschleiere, wenn nach 1991 Narrative der Entspannung, der demokratischen Zusammenarbeit und des „Endes der Geschichte“ die mittel- und osteuropäische Kritik an Ideologie und totalitärer Herrschaft an den Rand drängte, obwohl diese Kritik seit Februar 2022 wieder an Präsenz gewonnen hat. Methodisch legt die Studie den Schwerpunkt auf „kleine Formen“ wie Essays, Memoiren, Interviews, Reiseliteratur, Lyrik und autobiografische Reflexion als bewegliches, transnationales Medium der ideengeschichtlichen Reflexion. Diese Genres vermitteln historische Erfahrung und konzeptuelle Analyse, wie am Beispiel von Czesław Miłosz und Raphael Lemkin verdeutlicht wird. Ein zweiter Schwerpunkt ist der dissidentische Diskurs über die „Kultur der Lüge“, der Václav Havel und Leszek Kołakowski mit zeitgenössischen Debatten über Post-Truth und – in Anlehnung an Hannah Arendt – mit Loslösung des Politischen von der empirischen Realität durch Ideologie verbindet.
Zitationsvorschlag
Copyright (c) 2026 Annette Werberger (Autor/in)

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